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Xi'an

Was ist Xi'an? 

Eine ebenfalls mit gut 8 Millionen Einwohnern mittelgroße Stadt, die einige bedeutende Beiträge zur chinesischen Geschichte beigesteuert hat. Einige Chinesen auf meiner Route haben mir erklärt, es sei mit die älteste Stadt Chinas und die begründende Stadt des Landes gewesen. Und tatsächlich spielt Xi'an eine bedeutende Rolle, da der erste Eroberer der Qin-Dynasty hier her stammt (die Terrakottaarmee bewachte sein Grab). Die Qin-Dynasty vereinigte China politisch und ist namensgebend für das Land (Qin -> China). In einer lokalen Ausstellung bezeichnete sich die Stadt sogar als "die chinesischste Stadt des Landes" - leider war nur die Überschrift auf Englisch, der Rest ausschließlich chinesisch... Dem würde ich erstmal nicht widersprechen... 

Nun zu meinen gut drei Tagen in Xi'an: zunächst kam ich mit dem Zug aus Peking an. Beim obligatorischen auschecken wurde ich kurz zurückgehalten und inkl. Reisepass fotografiert. Vielleicht liegt es daran, dass ich meinen Rasierer nicht mit auf die Reise genommen habe... Egal, ich konnte nach ein paar Fotos weiter Richtung Hostel. Dort angekommen wurde mir ein 12-er Zimmer zugeteilt. Wie sich herausstellte, wussten meine Zimmernachbarn wohl nicht, dass man den Lichtschalter nicht nur zum anmachen benutzen konnte und die Tür des Zimmers / Bungalows (verbunden mit dem Innenhof) auch geschlossen werden konnte. Jedenfalls schliefen alle gegen 1 Uhr mit Licht an und Tür auf, bis ich mich aus dem Bett hiefen konnte. Dank anti-brumm hatte ich zum Glück lediglich einen neuen Mückenstich... Um Mitternacht hatten einige noch zusammen ihr Süppchen geschlürft, die Gute-Nacht Zigarette geraucht und sich lautstark Witze erzählt. Um 5 Uhr morgens ging dann der erste Wecker (Licht an ging wieder, Licht aus nicht) - meiner um 6 Uhr. Kurze Nacht, aber die Terrakottaarmee wartete. 

Mit dem Bus ging es gegen 7 Uhr Richtung Terrakottaarmee. Der abgesehen von mir einzige Ausländer setzte sich neben mich in den Bus. Nach dem Fahrkartenverkauf kamen wir ins Gespräch und verbrachten tatsächlich fast den ganzen Tag zusammen. Dennis, ein super netter und weltoffener pensionierter 66-jähriger Ami ohne Kinder mit viel Freizeit und einer ähnlichen Ansicht zu Trump wie die deutschen Medien, kam extra für die Terrakottaarmee und das Grab des Qin-Kaisers nach China bzw. blieb hier lediglich 5 Tage. Er war viel in der Welt rumgekommen und hatte viele interessante Anekdoten zu erzählen... Kommen wir zurück zum Thema. Die Terrakottaarmee war beeindruckend, jedoch... anders als erwartet. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Bilder von der Fakewand gewöhnt war. Ich stand zufällig in dem Raum, indem die Fake-Bilder entstehen (die 3D-Wand ist wirklich authentisch). Leider wurde mir verboten, Bilder der Wand zu machen. Chinesen sind so gut im Inszenieren... Das Mausoleum war wie so viele andere Mausoleen/Gräber weitläufig abgesperrt und durch einen Wald verdeckt - daher meiner Meinung nach keine Besichtigung wert. Die bekannten Bilder des Hügels des Mausoleums kann man auch nur von einer bestimmten Stelle sehen (oder wie Dennis es nannte: den Million-Dollar-view). 

Nachdem wir mit dem Bus zurück gefahren waren ging es zur kleinen wildgans-pagode. Dennis begleitete mich, da er sonst nichts zu tun hatte und wir uns gut unterhielten. Wir kamen bei dem Park an, die Pagode war wegen Bauarbeiten gesperrt. Trotzdem sollten wir Eintritt zahlen. Damit war ich nicht einverstanden und wollte fragen wieso. Da ich weder chinesisch sprach noch die eingangsdame englisch ließ sie zu uns kostenfrei passieren. Im Nachhinein waren wir in einer schönen Anlage und der Eintritt war für den park fällig, nicht die pagode.... Naja, das war ein kleiner Ausgleich dafür, dass ich bisher 3-4 mal keinen studentenrabatt gewährt bekam...

Nach einer Runde Starbucks (Dennis brauchte seinen Espresso, ich musste mit WLAN meine Zugtickets buchen) ging es weiter Richtung Stadtmauer. Apropos Starbucks: es erscheint mir unmöglich in China schwarzen Kaffee zu bekommen. Der lokale Kaffee ist immer süß und mit Milch. Im Starbucks kann man (fast) jedes Getränk entweder heiß oder kalt bekommen. Ob kalter Kaffee (damit meine ich nicht Spezi) oder kalter latte macchiato so gut schmecken? 

Die Stadtmauer ist super restauriert und ein absolutes Highlight. Das gleiche gilt für die Uferpromenade an der Außenseite. Überall befinden sich am Fluss Parks oder Outdoor-Sportfazilitäten (Tischtennisplatte, Fitnessanlagen, basketball-Areale). Ich bin vom süd- zu westtor gelaufen und dann über das muslimische Viertel zur großen Moschee, der Fake Market Street, dem Trommel-Turm sowie dem Glockenturm. Letztere beide werden abends sehr bunt angestrahlt und sind daher ein touristisches Highlight. 

Am nächsten Morgen (Samstag) fuhr ich mit der allerersten Metro zum Bahnhof, um meine Tickets abzuholen. Mit chinesischer ID kann man die am Automaten abholen. Ohne chinesische ID muss man zum Schalter. Blöd nur, wenn gerade die National Week eingeläutet wurde und viele meinen, sie müssten sich vor Ort am Schalter einen Zug kaufen. Über wechat und automat wären sie in 5 Minuten durch gewesen, so dauert es eine Stunde... Da die meisten Schalter geschlossen waren musste ich um meinen Zug bangen... Mit Hilfe eines Chinesen konnte ich das ganze etwas beschleunigen, sodass ich 15 Minuten vor Abfahrt endlich am Zuggate war. Glück gehabt...

Nach eine halben Stunde Zugfahrt (Strecke 120km) erreichten wir die Stadt Huashan mit dem Heiligen Berg Huashan, einen der 5 heiligen Berge Chinas (des Daoismus). Zwei Shuttle und eine Stunde später war ich beim Aufstieg. Ich hatte die Möglichkeit eine Gondel auf etwa 1700m zu nehmen oder zu laufen. Ich entschied mich wie eine kleine Minderheit für den Aufstieg zu Fuß. Es war total leer und insbesondere die zweite Hälfte des Aufstiegs kann ich sehr empfehlen. Verhungern und verdunsten ist übrigens ausgeschlossen: alle paar hundert Meter sind Verpflegungsstationen. Unterwegs sah ich die armen Männer, die das ganze Zeug den Berg hoch trugen und sich dabei vermutlich den Rücken kaputt machten... Übrigens finde ich 10€ Eintritt (Studententarif) für einen heiligen Berg eine absolute Frechheit. Die verdienen sich an der Gondel und den Verpflegungs- und Fotoständen da oben eine goldene Nase. Was soll der Eintritt für Wanderer? Wo gibt's denn sowas?

Wie dem auch sei, wo Touristen sind, wird Geld fällig. Hier war es eine AAAAA-Attraktion, also wurde es teuer. Auf der anderen Seite gab es überall Essen, die Wege waren sehr sauber und überall waren öffentliche Toiletten. Da sich hierhin aber weniger westliche Touris verliefen gab es jedoch nur chinesische Toiletten und überhaupt keine Seife. Zudem ist es schrecklich mit anzusehen, wie die Natur mit Strommasten und Baustellen verunstaltet wird. Bezeichnend auch hier die erste Toilette, die ich betrat: ein Mann "saß" mit der Kippe in der Schnute auf der Toilette, bei der es wieder keine Türen gab. Beim Aufstieg konnte man Handschuhe zum klettern erwerben. Das hielt ich zunächst für einen albernen und überflüssigen Scherz. Nach einiger zeit konnte ich es aber nachvollziehen, zumal ständig rumgerotzt wird... 

So steile Treppen wie hier habe ich noch nie gesehen. Oft sind die Stufen höher als tief, oft auch nur einen Schuh breit und fast kniehoch, weshalb oft Ketten als Seil helfen (da ist mir der Aufstieg lieber als der Abstieg). Das ist definitiv nichts für Leute mit Höhen- oder Platzangst: durch die Felsen ist es so schmal, dass es Wege explizit für den Auf-und welche für den Abstieg gibt - die steilen immer für den Aufstieg. Manchmal gibt es sogar Passagen im 90 Grad-Winkel oder darüber hinaus (im Überhang), die jedoch umgangen werden konnten. Daher ist es auch möglich auf einem Meter Entfernung 15 Höhenmeter zu bewältigen - wirklich beeindruckend und nichts für schlechtes Wetter. Sicherungen gibt es übrigens nicht. Zum Glück hatten wir einen wolkenfreien Himmel und 10-30 Grad (je nachdem ob man im Tal und in der Sonne oder zwischen den 5 Gipfeln (zwischen 1700-2200m) im Schatten war. 

Eine kleine Anekdote zum Aufstieg, der im Prinzip für ganz China gilt: über jeden Gipfel, jedes Kloster, jeden Fluss/See, jede Höhle, ja sogar gefühlt über jeden Stein gibt es unzählige spannende Sagen und Mythen. Ich habe viel gelesen und es würde den Blogbeitrag sprengen - daher hier kurz Beispiele/Zusammenfassungen, die natürliche kein Ersatz für die unterschiedlichen Geschichten und die eigenen Entdeckungen sind: in den Höhlen haben sich oft Menschen versteckt, die sich politisch gegen etwas gestellt haben. Oder es wurde in ihnen gepredigt. Oft haben Meschen dann von den Bächen des Umlands getrunken. Einige Seen sollen den Sagen nach durch Tränen von unglücklichen Ehefrauen gefüllt worden sein. Bei dem heiligen Berg soll ein Pfad bei der Erstbegehung so windig und steil gewesen sein, dass ein Mann weinend einen Brief geschrieben und ins Tal geworfen hat, sodass Hilfe kam. Wie gesagt, die Geschichten sind oft länger und sehr vielfältig, daher lohnt sich jeder einzelne Text. Die Bedeutung der Drachen ist ebenfalls nicht zu unterschätzen... 

Ich halte mich bei den Erzählungen zur Wanderung besser kurz: der Aufstieg war extrem anstrengend und ein Erlebnis. Durch zeitbegrenzungen hatte ich vom letzten Gipfel auf ca. 2100m 2 Stunden für den Abstieg. Durch die schwierigen Stufen (man musste die Stufen oft seitlich runter gehen, da die Stufen oft nur etwas breiter als die Schuhe waren) und die ganzen Menschenmassen dort oben war ich nach einer Stunde auf Höhe der gondelstation bei etwa 1700m. Bei der Gondel war viel los und ich musste meinen Zug zurück kriegen, daher fragte ich einen Passanten nach dem Weg nach unten. Er wollte mich wieder 10 Gehminuten hoch schicken (auf Google Maps war der Weg ebenfalls eingezeichnet, allerdings wegen Bauarbeiten gesperrt). Dennoch sah ich Menschen den Weg runter gehen. Bei 3 weiteren offiziellen Stationen haben mir alle gesagt, es gäbe keinen Weg und ich sollte die Gondel nehmen. Wie konnte ich erklären, dass ich weitere downhill schilder gesehen hatte und ich Leute runter gehen sah? Nach 20 Minuten hatte ich einen versteckten weg gefunden (es stand auch ein downhill Schild dort). Eine Stunde hatte ich. Also so schnell wie möglich runter... Schuhgröße 42 ist definitiv zu groß für einen schnellen Abstieg. 28 wäre besser gewesen. Nach zahlreichen Klettereinlagen hatte ich es irgendwann geschafft. Unten angekommen ging es über den Shuttlebus zum nächsten Shuttlebus. Gerade nochmal Glück gehabt: der letzte Shuttlebus zum Zug traf gerade ein. Und der Mann, den ich oben als erstes nach dem weg runter gefragt hatte auch. Er hatte oben eine knappe Stunde für die 20-minütige Fahrt warten müssen. Da er etwas englisch verstand (er ist metallhändler an der Börse in Shenzhen) und ich noch 40 Minuten bis zum Zug hatte, aßen wir schnell typisch regionale Nudeln (ich glaube es heißt babamiao). Witziger sidefact: um Wort zu schreiben braucht "Frank" etwa eine Minute. Ein unglaublich kompliziertes Schriftzeichen dieses "ba"... Gegen 22 Uhr war ich wieder daheim. Mir tat alles weh und so wollte ich heute einfach mal ausschlafen und wenig tun... 

Daher schlief ich erstmal 11 Stunden (fast) durch. Ich hätte auch 14 schlafen können. Meine Knieschmerzen waren wenigstens auf wundersame Weise weg. Und so ging ich zunächst zum 5 Gehminuten entfernten "Kulturpark", zur Großganspagode und zum muslimischen Viertel. Das Programm war sicherlich im Vergleich zu den beiden vorherigen Tagen weniger ein Highlight, die kulturellen Erfahrung schon eher. Wieso? 

Heute war der erste Tag der National Week, an dem viele Leute frei haben. In dieser Zeit wird die Binnenkonjunktur und der Konsum mal so richtig angekurbelt. Zunächst das Positive, was auch unabhängig von der National week zu sehen ist: Sicher auch der Bevölkerung geschuldet findet man in einigen Parks kleine Freizeit Park (so auch in dem Kulturpark bei mir um die Ecke oder in anderen Parks der Stadt). Zudem finden sich überall Leute zum Go, Karten, Basketball, Badminton oder Tischtennis spielen. Ebenso beliebt sind Quatschen, der Fitnessbereich, verschiedene Tanzsportarten sowie "Kampfsportarten". 

Kommen wir also zu Sonstiges und bleiben bei der national week:

In der National Week kommt hinzu, dass insbesondere die sogenannten "Scenic spots" oder Attraktionen mit AAAAA-Rating total überlaufen sind. Hinzu kommt hier, dass dieser scenic Spot sogar mit einer Schwebebahn ausgestattet ist, sodass man von einem Konsumbereich zum nächsten fahren kann, ohne dabei laufen zu müssen. Wenig laufen, viel kaufen. Das war bisher schon deutlich zu erkennen, kommt nun aber auf das nächste Level. Ich kann es den Leuten aber nicht verübeln... Überall werden Stände akustisch oder durch Shows hervorgehoben. Es gab eine Wasserfontänen-Show vom allerfeinsten... Wenn ich recht überlege ist es ähnlich wie bei uns daheim: jedes Wochenende ist irgendwo ein Fest, bei dem zu überteuerten Preisen Wein verkauft wird und es Samstags ein Feuerwerk gibt. Nur eben sind hier mehr Menschen und alles ist etwas bunter, lauter, kitschiger und weniger dekadent. Allerdings lieben es die Leute hier noch mehr, viel Geld für Souvenirs und anderen schickschnack auszugeben (nur eben nicht für Alkohol). 

Die Idee, mit den Public holidays die Konjunktur anzuheizen, geht definitiv auf: ich habe heute unglaublich viele Eltern mit ihren Kindern gesehen. Viel Konsum/Geld ausgeben/Wohlstand zeigen gehört eben zum Guten Ton. Meine Theorie ist ebenfalls, dass die national week auch zur Ablenkung von Problemen des Landes dienen soll.

Weiteres sonstiges: die öffentlichen Toiletten hier sind wesentlich dreckiger als in den letzten Städten und es gibt keine sitzklos. Ebenfalls gibt es viel weniger westliche Touristen. Ob das Zufall ist? 

Kommen wir zum Thema Essen: Xi'an hat mich in dem Glauben bestärkt, dass muslimisch-chinesisches Essen eins meiner Highlights Chinas ist. Zudem finden sich hier einige kulinarische Eigenheiten wieder, die ich bisher so nicht kannte: so bekommt man hier einen kleinen fladen in die Hand gedrückt, den man selbst rupft und in seine suppenschüssel wirft, bevor diese mit Suppe und den anderen Zutaten aufgefüllt wird. Apropos Suppe. Die großen Unterschiede in den Frühstückssuppen ist für mich vermutlich der kulinarisch charakteristische Unterschied zwischen den Städten/Provinzen. Gemein haben die Suppen jedoch alle, dass sie oft aus etwa 10-50 Liter fassenden Behältern geschöpft werden. Die frühen Essenszeiten scheinen sich hier auch in der Regel durchgesetzt zu haben (zumindest bei ärmeren/normalen Leuten sind die Esenszeiten 6-7, 11-12, 17-19 Uhr normal). Oft sieht man die Ladenbesitzer/Angestellten gegen 12 Uhr im Geschäft mit ihrem Essen an der Kasse sitzen, da zu dieser Zeit wenig los ist. Meiner Meinung nach ist Xi'an für seine Varietät an muslimischem Essen, den Süßspeisen und Frittiertem nicht zu unterschätzen. Ich könnte mich definitiv an die Küche hier gewöhnen...

Drei Kleinigkeiten noch: 1. Sichuan-Pfeffer findet man oft in scharfen Gerichten. Dieser betäubt Zunge und Lippen auf seltsame Weise. Ich versuche den direkten kontakt bestmöglich zu umgehen. 2. Die Essenstände bei denen keiner ansteht, die heruntergekommen aussehen und bei denen es keine Show gibt sind oft die günstigsten und meiner meinung nach die besten, da sie oft nischen-Essensprodukte anbieten. Mainstream kann jeder.. 3. Ein paar Leute haben mich nach Bilder gefragt. Ich lade in einer guten Woche (um den 10.10.) in Facebook mal ein paar Bilder hoch. Die Webbrowser-Ansicht am Handy ist so mies, dass ich einen Beitrag mit Bildern nicht speichern kann... Ohnehin sind auf der Kamera bessere Bilder, als auf dem Handy. 

Morgen früh geht's dann nach Luoyang!